Negative Belastungen bestimmen den Alltag und stellen das seelische Gleichgewicht auf den Prüfstand. Dr. Anabel Ternès, Co-Gründerin und Geschäftsführerin der digitalen Service-Plattform «Psychologio», vermittelt einige nützliche Tipps, wie im Alltag mehr Achtsamkeit erlangt wird und damit neue Perspektiven geschaffen werden.

Psychologio Dr. Anabel Ternès

Ob Stress und Belastungen, Chaos, Angst oder Sorgen – die seelische Gesundheit wird im Alltag immer wieder auf die Probe gestellt. Gerät sie aus dem Gleichgewicht, kann das nicht selten der Vorbote für eine Depression sein. Zu oft werden Empfindungen vernachlässigt und einem seelischen Ungleichgewicht nicht genug Bedeutung geschenkt. Dabei sind Achtsamkeit und ein Bewusstsein für eine psychische Ausgeglichenheit nicht nur als Gegenmassnahme, sondern auch als Prävention besonders wichtig. Dr. Anabel Ternès ist Co-Gründerin und Geschäftsführerin der digitalen Service-Plattform «Psychologio», die Betroffenen einen vereinfachten Zugang zu einer psychotherapeutischen Behandlung ermöglicht. Die Expertin für mentale Gesundheit gibt fünf Tipps, mit denen 2018 die eigene Wahrnehmung durch Achtsamkeit geschärft und eine bewusste Auseinandersetzung mit Störfaktoren erzielt wird.

ACHTSAMKEIT – MIT STIFT UND PAPIER FÜR ORDNUNG SORGEN
Bevor man seine Psyche von negativen Gedanken befreien kann, müssen diese zunächst erkannt werden. Eine bewusste Auseinandersetzung ist dabei der Schlüssel. Um das Durcheinander in den Griff zu bekommen, ist es wichtig, die eigenen Gefühle und

Gedanken zu sortieren und eine rationale Einschätzung vorzunehmen. Hilfreich können dabei Stift und Papier sein: Die entsprechenden aussagekräftigen Schlagworte zuerst aufschreiben und anschliessend eine Hierarchie beziehungsweise Reihenfolge nach ihrer Relevanz für die eigene Verfassung festlegen. Bestimmte Leitfragen bieten hierbei die Möglichkeit, dem Chaos im Kopf auf den Grund zu gehen und gesuchte Leitgedanken zu finden. Was tut einem gut und was nicht? Antworten finden sich mit folgenden Fragen: «Was ist mir heute passiert und welche Gedanken hatte ich dabei?» oder «Was hat mich glücklich oder traurig gemacht?». Ein sinnvolles Ergebnis wird erzielt mit einer regelmässigen Kontrolle. Sich öfter die Zeit für diese Fragen zu nehmen, um diese zu beantworten, ist daher sehr wichtig. So werden Achtsamkeit geübt, der Blick für die eigene Situation geschärft und neue Perspektiven geschaffen.

ENTSPANNUNG VERHILFT ZU KLAREN GEDANKEN
Für die Identifikation von negativen Gefühlen oder Sorgen ist es wichtig, zunächst einen Zustand der Entspannung herzustellen. Schliesslich bietet eine ruhige Atmosphäre genug Gelassenheit dafür, auf die Gedanken zu achten und Gesetzmässigkeiten im eigenen Verhalten herauszuhören. Erforderlich ist, sich ein bisschen Zeit zu nehmen, um in einem ruhigen Umfeld einige Übungen durchzuführen. Unterschiedliche Atemübungen lassen die eigene Mitte wiederfinden. Zusät

zlich können Übungen zur Muskelentspannung Verkrampfungen lösen und damit die Konzentration steigern. Daneben gibt es eine Vielfalt an Sportarten, die beide Übungsarten perfekt miteinander vereinen: Meditation, Yoga, Pilates und Co. erzielen mit ihrer Wirkungsweise eine bewusste Wahrnehmung des eigenen Körpers, schalten die äusseren Eindrücke aus und begünstigen somit den Fokus auf die Gedanken. Auf diese Weise kann etwas für das mentale Wohlbefinden getan und gleichzeitig die eigene Fitness trainiert werden. Denn in einem gesunden Körper wohnt auch ein gesunder Geist.

RICHTIGES VERHÄLTNIS ZWISCHEN ANSPANNUNG UND ENTSPANNUNG
Bei all dem Stress im Alltag darf nicht vergessen werden, dass neben der Arbeit auch genug Freizeit eingeplant wird. Stress im Arbeitsumfeld, Deadlines und Termine, die eingehalten werden müssen, bedeuten immer auch Anspannung. Daher ist es essenziell, in der Freizeit für Entspannung zu sorgen und diese auch nicht zu kurz kommen zu lassen. Genug Zeit mit der Familie, dem Partner und Freunden kann für viele eine Auszeit vom Alltagsstress bedeuten und bildet einen geliebten Gegenpol zur täglichen Arbeitsroutine. Daneben darf nicht vergessen werden, sich selbst genügend Raum für Selbstentfaltung zu geben. Allein verbrachte Zeit wird viel zu sehr unterschätzt, dabei ist gerade diese so wichtig. Ein lange vernachlässigtes Hobby wieder aufleben lassen oder bei einer Tasse Tee das Lieblingsbuch lesen – Zeit, die alleine verbracht wird, ist wertvoll und schafft ein sensibles Bewusstsein für die eigene mentale Gesundheit. Eine geschärfte Wahrnehmung unterschiedlicher Situationen und ein achtsamer Umgang mit der eigenen Person geben letztendlich auch die Möglichkeit, achtsamer und bewusster mit anderen umzugehen.

FRISCHE LUFT MACHT DEN KOPF FREI
Körper und Geist sind unmittelbar miteinander verbunden und beeinflussen sich mehr als manchmal angenommen. Auf den eigenen Körper zu achten, kann daher ein mentales Wohlbefinden positiv prägen. Körperliche Bewegung ist besonders nach einem langen Tag im Büro wirkungsvoll – eine Runde joggen hilft, den Kopf freizubekommen und Stress abzubauen. Frische Luft führt zu Gelassenheit und Ausgeglichenheit. Auch eine gesunde Ernährung ist förderlich. Ungesunde Lebensmittel steigern auf Dauer das Risiko für Depression, vollwertige und frische Kost hingegen wie frisches Gemüse, Obst, Fisch und Vollkorn senken das Risiko und machen fitter und glücklicher. Genügend Schlaf muss ebenfalls eingeplant werden. Ein Mangel führt nämlich nicht nur zu Müdigkeit, sondern steigert sowohl Missstimmung als auch Konzentrationsprobleme, die ein psychisches Ungleichgewicht fördern. Auf den eigenen Körper hören und achtgeben, trägt wiederum zur Prävention von Depressionen bei.

DURCH WIEDERHOLUNG LANGFRISTIG ZUM ERFOLG
Wie auch beim Sport heisst es bei der Achtsamkeit: Wenn man Erfolge sehen will, ist es wichtig, die Übungen regelmässig zu wiederholen und auf lange Sicht in seine tägliche Routine zu integrieren. Die Übungen müssen als Lernprozesse begriffen werden, die aktiv angegangen werden und nur langfristig zum Erfolg führen. Schon nach kurzer Zeit macht sich die Ausdauer bezahlt und die Übungen sind fester Bestandteil im Alltag und nicht mehr wegzudenken. Die ganz persönlichen Achtsamkeits-Rituale sollten auf keinen Fall als Bürde gesehen, sondern vielmehr zelebriert werden. Sich Zeit nehmen, sich auf die individuellen Zeremonien freuen und eigene Regeln aufstellen: So kann Zufriedenheit potenziert werden. Kleine Rituale, welche die alleine verbrachte Zeit angenehm und entspannt gestalten, fördern die Achtsamkeit, haben Anteil an psychischer Ausgeglichenheit und stehen damit 2018 weit oben auf der Agenda.

Bild 1 Anabel Ternès (kleines Bildchen, nicht gross)

Share